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Der Engel, die Brüder und der Schmetterling

Es war schon Abend, als Fiete und Knut mit Mama und Papa nach Hause kamen. Fiete war schon fast ein Vorschulkind. Knut war noch etwas jünger und hielt Fietes Hand fest.

Draußen wurde es dunkel. Die Straßenlaternen gingen an, und die Häuser standen dicht beieinander. „Jetzt ist Schlafenszeit“, sagte jemand leise.

Fiete legte sich in sein Bett und schaute noch einmal zu Knut hinüber. „Es war schön heute“, flüsterte er. Knut kuschelte sich in seine Decke und schloss die Augen. Dann wurde es ganz still.

In der Nacht begann der Traum.

Fiete träumte, dass er mit Knut durch eine schmale Gasse ging. Die Häuser standen so nah beieinander, dass sie kaum Platz für das Dunkel ließen. Neben ihnen ging ein Engel. Der Engel hatte große, weiche Flügel – so groß, dass sie fast die Mauern berührten. Wo der Engel ging, wurde es heller.

Plötzlich blieb der Engel stehen. Fiete spürte es sofort. Er wusste nicht warum, aber er rückte näher an den Engel heran. Ganz vorsichtig berührte er die Federn. Sie fühlten sich warm an.

Ein paar Schritte voraus lief Knut. Er lachte leise und achtete auf nichts anderes.
Denn vor ihm flog ein weißer Schmetterling. Der Schmetterling leuchtete wie ein kleines Licht und flatterte fröhlich voraus, mal nach links, mal nach rechts, immer weiter nach vorne. Knut lief hinterher, ohne Angst, ohne stehen zu bleiben.

Der Engel breitete seine Flügel ganz weit aus. So konnte sie beide beschützen: Fiete, der Nähe bei ihr fand, und Knut, der Spaß hatte.

So gingen sie durch die stille Gasse, bis alles ganz ruhig wurde und der Traum langsam verblasste.

Am nächsten Morgen schien die Sonne ins Zimmer. Fiete wurde wach und setzte sich langsam im Bett auf. „Ich hatte einen tollen Traum“, sagte er.

Knut blinzelte und fragte: „War ich auch dabei?“ Fiete nickte. „Ja. Du bist dem Schmetterling hinterhergelaufen. Und ein Engel hat auf uns aufgepasst, auf dich und auf mich.“

Knut lächelte. „Ich mag Engel“, sagte er. „Und Schmetterlinge.“ Die Sonne schien warm.
Draußen sangen die Vögel. Alles fühlte sich gut an. Und vielleicht, ganz vielleicht, war es nicht nur ein Traum.

© Wolfgang Lessat
Hamburg, 2. Februar 2026